Arbeitsbereich Psychoanalytische Pädagogik

 

Soziale Psychoanalyse und ihre Anwendungen

Was bedeutet es, ein komfortables Alltagsleben führen zu dürfen angesichts tiefgreifender Ungerechtigkeit? Wie prägen Akte der Dissoziation, der Verleugnung und des Verschweigens unsere Beziehungen zu anderen Menschen? Wie verstehen wir den aktuellen Anstieg von Rechtsextremismus und rassistischer Gewalt, obwohl wir um die Schrecken des Faschismus und des Holocausts im 20. Jahrhundert wissen? Reagieren wir auf die ethischen Anforderungen, die soziale und politische Krisen an uns stellen, oder sehen wir schweigend zu?

Das sind Fragen, die im Zentrum unserer Forschung stehen. Wir greifen auf die Psychoanalyse zurück, um die unbewussten sozialen und psychischen Dynamiken besser zu verstehen, die Ungerechtigkeit aufrechterhalten. Die Psychoanalyse ist darauf ausgerichtet, dem zuzuhören, was unausgesprochen bleibt. Was wird an den Rand gedrängt, entzieht sich dem bewussten Wahrnehmen oder wartet darauf, erkannt zu werden? Wir erachten es als wichtig, nicht nur die Beschaffenheit der individuellen Psyche oder Interaktionsmuster zwischen Menschen zu untersuchen, sondern auch zu betrachten, wie wir unbewusst von sozialen Kräften und politischen Machtstrukturen geprägt werden. Diese Perspektive wird als soziale Psychoanalyse bezeichnet.

Die soziale Psychoanalyse untersucht die unbewussten gesellschaftlichen, politischen und psychischen Dynamiken, die uns prägen – sowohl in der Gesellschaft insgesamt als auch in der psychotherapeutischen Praxis. Unsere Forschung konzentriert sich auf zwei Hauptbereiche:

1. Soziale Krisen, Verstummen und reparatives Erinnern:
Uns interessieren die zugrunde liegenden und oft unbewussten sozialen, politischen und psychischen Dynamiken, die zum Anwachsen sozialer Krisen beitragen und die Ablehnung sowie das Zum-Verstummen-bringen von Verantwortung fördern. Dazu zählen unter anderem der Aufstieg rechtsextremer Autoritarismen, die Auswirkungen von Antisemitismus und Rassismus, die langfristigen Folgen von Völkermord und rassistischer Gewalt sowie die Klimakrise. Wir gehen dabei unter anderem folgenden Fragen nach: Warum und auf welche Weise werden diese Krisen abgespalten oder verleugnet? Kann Schweigen durch ein empfundenes Verantwortungsbewusstsein ersetzt werden? Wie kann die Psychoanalyse zu unserem Verständnis von psychischer und politischer Handlungsfähigkeit beitragen? Und welche Rolle spielt reparatives Erinnern für Bewusstwerdung und Veränderung?

2. Psychoanalyse und das Politische:
Uns interessiert, wie die therapeutische Beziehung zwischen Patient*in und Analytiker*in stets und unausweichlich von sozialen und politischen Dynamiken geprägt ist (etwa durch Rassismus, Geschlecht, Ideologie, Macht und sozioökonomische Lage). Wie geht die zeitgenössische Psychoanalyse mit der Realität des Politischen um – sowohl im Behandlungsraum als auch darüber hinaus? Inwiefern hat sich das Fach historisch schwergetan, das Politische zu berücksichtigen, und wie könnte sich das ändern? Was können wir aus der radikalen Geschichte der Psychoanalyse lernen oder aus der Arbeit, die in progressiven Community-Kliniken in verschiedenen Ländern und Kontinenten geleistet wird?

Die soziale Psychoanalyse ist ein Ansatz mit einer langen, jedoch oft vernachlässigten Tradition innerhalb der Psychoanalyse. Sie steht in Verbindung mit den marxistisch orientierten Psychoanalytiker*innen der 1920er Jahre, mit den frühen Arbeiten von Erich Fromm und Wilhelm Reich, die in den 1930er Jahren die Gefahren des aufkommenden Faschismus thematisierten, sowie mit den postkolonialen Ideen von Franz Fanon in den 1950er Jahren. Wir knüpfen sowohl an diese Geschichte als auch an die aktuelle sozialpsychoanalytische Forschung an, um gegenwärtige soziale Krisen und die Rolle des Politischen in der Psychoanalyse zu untersuchen. Unser Ansatz hat vielfältige Anwendungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Disziplinen. Er ist verbunden mit Bereichen wie psychosozialen Studien, psychoanalytischer Sozialpsychologie, politischer Psychologie sowie mit aktueller Forschung zur therapeutischen Beziehung und zum therapeutischen Prozess.

Unsere Auseinandersetzung mit sozialer Psychoanalyse und ihren theoretischen sowie klinischen Anwendungen findet im größeren, interdisziplinären Feld der Bildungswissenschaften statt, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum und in den Niederlanden entstanden ist. Im weitesten Sinne befassen sich die Bildungswissenschaften mit der menschlichen Natur und Entwicklung über die gesamte Lebensspanne hinweg – aus psychologischer, anthropologischer, soziologischer, philosophischer und pädagogischer Perspektive.