
Die Auflösung Jugoslawiens hat zahlreiche Stränge progressiven aktivistischen Engagements in den Hintergrund gedrängt. Zu den am wenigsten bekannten gehört der fragile Versuch, die psychiatrische Behandlung zu demokratisieren – durch die Abschaffung von Gewalt, das Hinterfragen der Dominanz großer psychiatrischer Institutionen und die Möglichkeit für Menschen mit psychischen Schwierigkeiten, wieder mehr Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen. Dieser Umstand spricht Bände über das Ausmaß, in dem psychiatrische Praxis in patriarchale und autoritäre soziale Strukturen eingebettet ist, die sich kritischen soziologischen Impulsen widersetzen. Da vermeintliche Expertise über psychische Gesundheit häufig zur Unterstützung konservativer politischer Kampagnen mobilisiert wurde, hat sich die Psychiatrie in der Region – ungeachtet gelegentlicher emanzipatorischer Impulse aus dem Fach selbst – nur ungern mit ihren eigenen Grundannahmen auseinandergesetzt und ist bis heute ein mächtiger gesellschaftlicher „Gatekeeper" geblieben.
Auf der Grundlage einer Triangulation miteinander verknüpfter Methoden (halbstrukturierte Interviews, Dokumentenanalyse und teilnehmende Beobachtung) untersucht die Forschung eine Reihe von Initiativen, die auf die Demokratisierung der Psychiatrie im (post)jugoslawischen Raum und die Deinstitutionalisierung der psychischen Gesundheitsversorgung durch eine Verlagerung in gemeinschaftsnahe Settings abzielen.
Die drei Hauptziele folgen einer Periodisierung des Aktivismus, die sich an den Kriegen der jugoslawischen Nachfolge orientiert:
- das erste Ziel (1980–1990) zeichnet die frühen Phasen des Deinstitutionalisierungsaktivismus nach und konzentriert sich dabei auf zwei Gruppen in Belgrad (Serbien) und Ljubljana (Slowenien);
- das zweite Ziel (1990–2000) rekonstruiert die Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsbemühungen zum Aufbau gemeindenaher psychosozialer Dienste in Bosnien und Herzegowina;
- das dritte Ziel (2000–2020) untersucht Nutzer:innenvereine sowie die von LGBTQ-Aktivist:innengruppen in Serbien und Kroatien vorgeschlagenen alternativen therapeutischen Modelle im Postkriegszeitraum.
In ihrer Gesamtheit tragen diese drei Ziele dazu bei, die Forschungslücke im Bereich psychische Gesundheit zwischen West- und Osteuropa zu verkleinern, rücken Nutzer:innen und LGBTQ-Aktivist:innengruppen als zentrale Akteur:innen der Demokratisierung der Psychiatrie in den Vordergrund und hinterfragen den Nationalstaat als bevorzugte Analyseeinheit, indem sie transnationale Aktivist:innenkooperationen innerhalb und über den (post)jugoslawischen Raum hinaus nachzeichnen.
Projektbezogene Aktivitäten:
- Bojan Bilić: Psychiatry and Society: Depatriarchalising Yugoslav Psychiatry (YouTube)
- Ljubljana, Mai 2025
- Conference participation: International Conference Franco Basaglia: Beyond the Borders
- Gorizia, Italy - Nova Gorica, Slovenia, 12-14 November 2025
