Geplantes Projekt “Bildungswissenschaftliche Grundlagen für Lehrkräfte mit Fluchthintergrund

in geplanter Kooperation mit dem Postgraduate Center der Universität Wien

in Zusammenarbeit mit dem Stadtschulrat für Wien sowie dem AMS Wien und dem AMS Niederösterreich

vom Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres

Das Projekt „Bildungswissenschaftliche Grundlagen für Lehrkräfte mit Fluchthintergrund“ versteht sich einerseits als Forschung, die sich der Erfassung der (Aus-)Bildungshintergründe wie auch dem aktuellen Bedarf von Lehrer*innen mit Fluchthintergrund widmet; andererseits resultiert aus den Ergebnissen der Erhebung eine konkrete praxisrelevante Maßnahme in Form eines geplanten Zertifikatskurses, durch welche ausgewählte Teilnehmer*innen für den Berufseinstieg als Lehrer* in Österreich qualifiziert werden sollen.

Ausgangslage und Ziele des Projektes

Die Aufnahme neu angekommener Schüler*innen in das (Pflicht-)Schul- und Bildungssystem stellt für alle beteiligten Akteur*innen (geflüchtete Schüler*innen und deren Eltern bzw. Familien, Mitschüler*innen und deren Eltern, Lehrer*innen, Direktion und Administration, Landes- bzw. Stadtschulrat) eine große Herausforderung dar. Neben einem Mangel an Lehrkräften bestimmter Fachrichtungen generell (und hier vor allem solchen, die auch die Muttersprachen der neu angekommenen Schüler*innen beherrschen), fehlt trotz einiger Maßnahmen vor allem Personal, das sich dieser Herausforderungen qua professioneller Expertise annimmt. Das Projekt verfolgt deshalb das Ziel, diese Lücke zu schließen: Mit der geplanten Einrichtung eines am Post Graduate Center der Uni Wien angesiedelten Zertifikatskurs zur (Nach-)Qualifizierung von Personen mit Fluchthintergrund, die bereits im Herkunftsland als Lehrer*innen tätig waren, wird nicht nur der zunehmenden Heterogenität von Schüler*innen und Klassenzusammensetzungen entgegen gekommen, sondern gleichermaßen der vorherrschende Personalbedarf an Schulen befriedigt. Die durch den geplanten Zertifikatskurs ausgebildeten Lehrer*innen können damit nicht nur den Schulbetrieb an sich durch ihre Expertise unterstützen, sondern darüber hinaus auch die Kommunikation mit Eltern erleichtern sowie außerhalb des schulischen Alltags beratend für verwandte Arbeitsfelder (z.B. Jugendamt, Kinder- und Jugendanwaltschaft, weiterführende Ausbildungsangebote etc.) zur Verfügung stehen. Dass die Adressat*innengruppe selbst durch das Absolvieren des geplanten Zertifikatskurses zum Einstieg in den (fachspezifischen) Arbeitsmarkt berechtigt wird, ist als weiterer Vorteil zu werten. Zudem werden in die Erarbeitung und Umsetzung des Zertifikatskurses Expert*innen in eigener Sache, also Lehrkräfte mit Fluchthintergrund, involviert; über diesen partizipativen Schritt sammeln sie Erfahrung in der (wissenschaftlichen) Projektentwicklung. Das Projekt kann deshalb richtungsweisend hinsichtlich der Involvierung von Menschen mit Fluchthintergrund in der bedarfsorientierten Entwicklung von Maßnahmen sein.

Das Projekt und insbesondere der geplante Zertifikatskurs befindet sich derzeit in der Entwicklungsphase; detaillierte Angaben – etwa zum geplanten Curriculum oder der teilnehmenden Personen – können dementsprechend derzeit noch nicht gemacht werden.

Folgende Projektziele wurden definiert:

  1. Möglichkeit der Involvierung von Lehrkräften mit Fluchthintergrund in die Entwicklung von Maßnahmen, um die Passgenauigkeit des Angebots zu garantieren. Im Rahmen partizipativer Forschung, also als Forschung gemeinsam mit Lehrkräften mit Fluchthintergrund, wird sichergestellt, dass im Rahmen des zu erarbeitenden Curriculums konkrete Bedarfe seitens geflüchteter Lehrer*innen selbst, aber ebenso seitens zukünftiger potentieller Arbeitgeber*innen abgedeckt werden. Zudem wird der Adressat*innengruppe durch diesen Ansatz der Einblick in aktuelle (wissenschaftliche, soziale wie auch bürokratische und pragmatische) Herausforderungen ermöglicht, indem aktuelle Entwicklungen in der Sozialforschung ihre methodische Umsetzung finden.  Durch den Miteinbezug in die Entwicklung und Implementierung der Adressat*innengruppe von Beginn an werden – und dies ist ebenfalls als ein Vorteil partizipativen Vorgehens zu werten – Empowermentprozesse bei allen am Forschungsprozess beteiligten Personen erwartet. Die auf diese Weise einbezogenen Lehrer*innen mit Fluchthintergrund können dann als “Role Models” für zukünftige bzw. potentielle Kursteilnehmer*innen fungieren
  2. Ermöglichung der Inklusion von Lehrkräften mit Fluchthintergrund in den Arbeitsmarkt Schule: Wie oben bereits angedeutet, verfolgt der geplante Zertifikatskurs das Ziel, geflüchtete Lehrer*innen in das österreichische Schulsystem als spezifisch ausgebildete Fachkräfte einzubinden. Ein eigener Kurs bzw. ein eigens zusammengestelltes Curriculum dafür ist nötig, weil bereits erfolgte Erhebungen ergeben haben, dass geflüchtete Lehrer*innen in ihren Herkunftsländern (1) zumeist nur ein Unterrichtsfach studiert haben sowie ihnen (2) der Kontext des österreichischen Schul- und Bildungssystems samt seinen Rechtsgrundlagen und seiner historischen Entwicklung fehlt, weshalb sie derzeit nicht ohne Zusatzausbildung ins reguläre Schulsystem aufgenommen werden können. Mit dem Zertifikatskurs kann ein universitärer Abschluss nachgeholt, wiederaufgenommen bzw. fertiggestellt werden, der geflüchtete Lehrer*innen zur Aufnahme einer ausbildungs- und expertisengerechten Arbeit befähigt. Dem seitens des Wiener Stadtschulrates geäußerten Bedarf, zu wenige Lehrer*innen mit Kompetenzen im Bereich Flucht bzw. geflüchteter Schüler*innen (insbesondere unter Berücksichtigung der Kenntnisse der Sprachen der Herkunftsländer) zur Verfügung zu haben, kann damit entgegengekommen werden.
  3. Vermittlung zentraler Kompetenzen, die im Arbeitsmarkt Schule zur Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Fluchthintergrund gegenwärtig besonders gefragt sind: Mit der Eingliederung von eigens ausgebildeten Lehrer*innen mit Fluchthintergrund in das österreichische Schulsystem können Bedarfe auf unterschiedlichen Ebenen befriedigt  werden. Zunächst ist anzuführen, dass diese als Ansprechpersonen in inhaltlichen wie auch sozialen Belangen für ebenfalls geflüchtete Schüler*innen und deren Eltern eingesetzt werden können. Wesentlich zu nennen ist hier die erleichterte Kommunikation in der Muttersprache, die durch den Einsatz farsi-, dari-, arabisch- oder anders sprechender Lehrer*innen ermöglicht wird. Weiters können die durch den geplanten Zertifikatskurs ausgebildeten Lehrer*innen dazu beitragen, in den jeweiligen Schulen die Themen Flucht, Asyl und Migration in Klassen- bzw. Schulverbänden zielgruppengerecht aufzubereiten und zugänglich zu machen. Der Prävention von Radikalisierung, vor allem aber dem Aufkommen von Rassismen und stereotypen Vorurteilen kann damit entgegengewirkt werden. Dies gilt auch für die Rolle, die die betreffenden Lehrer*innen innerhalb des Kollegiums übernehmen. Sie fungieren als Vermittler*innen und können zur Sensibilisierung beitragen.

Vorläufige Informationen zur Zielgruppe:

Lehrpersonen mit Fluchterfahrung und dauerhaftem Aufenthaltstitel (Asyl oder Subsidiärer Schutz), die eine Ausbildung mindestens auf BA/BSc-Level haben und Sprachkenntnisse auf mindestens B2 vorweisen (spätestens bei Eintritt in den Schuldienst ist C1 erforderlich).

Organisatorisches:

Der geplante Zertifikatskurs wird sich voraussichtlich am Schuljahr orientieren. Zu absolvieren sind maximal 40 ECTS (das Curriculum befindet sich derzeit in Entwicklung) in 2 Semestern, die sowohl Theoriefächer als auch Praxiserfahrungen umfassen. Es werden voraussichtlich 20 bis 30 Teilnehmer*innen aufgenommen.

Projektpersonal:

Univ. Prof. Dr. Gottfried Biewer (Lehrgangsleitung)

Dr.in Michelle Proyer (Projektleitung)

Dr.in Gertraud Kremsner (Projektmitarbeiterin)

Michael Doblmair, BA BA (studentischer Mitarbeiter)